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Das kleine Mädchen saß auf der obersten Stufe der Treppe. Sie kannte das Knacksen jeder einzelnen Stufe. Das Holz dehnte sich bei Wärme aus und zog sich wieder zusammen, wenn es wieder kälter wurde. Und natürlich knarrte und quietschte es, wenn jemand hinauf- oder hinunterging.

Gelähmt vor Anspannung und Angst wagte sie kaum zu atmen. Wie so oft konnte sie nicht schlafen, weil ihre Eltern unten stritten. Oder besser gesagt: ihr Vater ihre Mutter gnadenlos anbrüllte und fertig machte. Sie würde dies nicht richtig machen und jenes, sie würde sein hart verdientes Geld für irgendwelchen Scheiß ausgeben, sie habe ihn angelogen, sei untreu und von Grund auf schlecht und sowieso an allem (!) Schuld.

Das kleine Mädchen kannte all diese hasserfüllten Tiraden schon auswendig. Doch sie fürchtete sich jedes Mal (und es waren viele Male) wieder zu Tode und die Angst kroch immer tiefer in ihre Zellen. Vor allem die Angst, dass ihr Vater ihrer Mutter etwas antun würde. Die Angst, dass sie ihre Mutter nicht würde beschützen können vor der maßlosen Wut ihres Vaters. Sie wusste nicht, dass es nicht ihre Aufgabe war, irgendwen vor irgendwas zu bewahren. Doch weil ihre Mutter so wehrlos wirkte, hatte irgendwas in ihr unbewusst diese Aufgabe übernommen: aufpassen auf die Mama, sie beschützen vor dem betrunkenen, herumwütenden Vater.

Das kleine Mädchen wuchs heran. Spürte, dass sie irgendwie anders durchs Leben ging, als andere Menschen. Verstand aber nicht, warum.

Es war, als fände sie nicht so richtig ins Leben.
Es war, als könnten alle anderen nährende und liebevolle Liebesbeziehungen führen.
Es war, als bekämen irgendwann alle Kinder und bauten sich ein Haus.
Es war, als wären alle erfolgreich im Beruf.
Nur bei ihr haute das alles nicht hin.
Es war, als würde sie immer wieder über unsichtbare Hindernisse stolpern, die ihr im Weg lagen.

Die Frau, die einst das kleine Mädchen gewesen war, wurde traurig. Sie war verzweifelt und erschöpfte sich immer wieder in dem, was sie gerade tat, im Versuch, ihr Leben möge ihr doch endlich gelingen.

Nach und nach verstand sie, dass es die Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend gewesen waren, die ihr Leben auch nach so vielen Jahren kontrollierten. Dass es die Angst der Vierjährigen war, die sie auch mit 40 noch lähmte, wenn sie mit Wut und Aggression konfrontiert war. Dass diese Erfahrungen sie auch heute noch Männer wählen ließen, die entweder real oder emotional nicht verfügbar waren – weil sie auf einer unbewussten Ebene immer noch so große Angst vor liebevoller Intimität und Nähe hatte.

Und so stand sie auf, erhob entschlossen ihren Kopf, rückte sich ihre Krone zurecht, klopfte den Staub aus ihren Kleidern und gab sich das Versprechen, dass sie einen Weg finden würde, sich selbst zu heilen und ganz zu werden. Sie würde sich Unterstützung holen und keinen Stein auf dem anderen lassen, alles loslassen, was ihrem Leben nicht mehr diente und all das in ihr Leben holen, was sie sich wünschte. Sie versprach sich, sich selbst zum wichtigsten Menschen in ihrem Leben zu machen und sich selbst aus tiefstem Herzen lieben zu lernen.

Sie spürte, dass die Heilung und Ganzwerdung ihrer selbst Kreise ziehen würde. Es würde ihren Ahninnen und Ahnen Heilung und Frieden bringen. Und es würde in der Gegenwart wirken und damit auch in die Zukunft hinein.

Die Frau hat gelernt, für ihre inneren Kinder zu sorgen. Die Vierjährige sitzt nun nicht mehr alleine am Treppenabsatz. Sie sitzt auf dem warmen Schoß der Frau und wird von starken Armen gehalten und getröstet. Sie darf nun einfach das Kind sein, das sie ist. Sie muss nun keine Angst mehr haben. Ich bin da für sie. Ich kümmere mich und passe auf sie auf.

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Bildquelle: https://valeriapisano.com/lenergia-della-grande-madre/

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